Schreibwettbewerb: Schöne deutsche Sprache

                                   
Mia Magdalena Uthardt
12 Jahre, Carl-Bosch-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, Klasse 6e

 

Zwischen Klopapier und Regenbögen

Corona.Ein einziges Wort – und doch hat es mein Leben verändert, obwohl ich noch so klein war. Es hat mich begleitet –durch Tage voller Angst, durch einsame Stunden, aber auch durch kleine Wunder aus Freundschaft, Mut undHoffnung.Am Anfang der Pandemie machte ich mir kaum Sorgen. Warum auch? Die Welt drehte sich doch weiter, dachte ich.Aber ziemlich schnell merkte ich: Auf einmal war nichts mehr, wie es gewesen war. Ich war sechs Jahre alt, in derersten Klasse, konnte noch nicht richtig lesen und schreiben.Und jetzt: kein Schulbesuch, keine Spielplatzabenteuer, keine Treffen mit Freunden – als hätte jemand das normaleLeben auf Pause gedrückt.Wie ich in dieser Zeit gelernt habe? Ein Wort: Homeschooling!Unsere Lehrerin war eine Lehrerin vom „alten Schlag“.Statt mit uns über Zoom zu sprechen oder digitalen Unterricht zu machen, schickte sie wochenlang einfach nurellenlange Aufgabenlisten per E-Mail.Wir bekamen Mathe, Deutsch, Sachkunde – alles fein säuberlich aufgelistet. Mama druckte sie aus und stöhnte jedes Mal, als würden die Blätter niemals enden. Manchmal kam es mir so vor, als hätte unsere Lehrerin sich selbst in eine Art Winterschlaf verabschiedet.Wochenlang sahen wir sie nicht. Kein freundliches Lächeln, keine Erklärungen, keine Fragen – nur Aufgaben,Aufgaben, Aufgaben.Trotzdem wurde mir schnell klar: Auch ohne echtes Klassenzimmer geht der Alltag irgendwie weiter.Und über allem schwebte dieser Satz, den ich überall hörte – beim Turnen, beim Spielen oder in seltenen OnlineTreffen:„Du bist noch stummgeschaltet!“Irgendwann gehörte dieser Satz genauso zur Pandemie wie Masken, Abstand und Desinfektionsmittel.Ein Erlebnis hat sich mir besonders ins Herz gebrannt:Ein Feuerwehrauto fuhr durch unsere Straßen und verkündete aus Lautsprechern, wie im Krieg:„Bleiben Sie zu Hause! Verlassen Sie Ihr Zuhause nur im äußersten Notfall!“Ich erinnere mich genau: Ich saß mit Mama und Papa in meinem Zimmer, und zum ersten Mal in meinem Lebenspürte ich diese kribbelnde, lähmende Angst – und Mama nahm mich einfach in den Arm und hielt mich ganz fest.Und dann war da noch diese verrückte Sache mit dem Klopapier:Plötzlich hörte man überall „Vorräte“ und „Hamsterkäufe“.Natürlich ließen wir uns anstecken – und kauften Berge von Klopapier.Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich zwischen den Packungen herumkletterte, als wäre unser Wohnzimmerein Abenteuerspielplatz.Damals fand ich das urkomisch.Erst später, als ich größer war, erklärte mir Mama, warum wir das eigentlich gemacht hatten: Sie sagte, es sei eineArt gewesen, überhaupt irgendetwas zu tun, weil man sich so machtlos fühlte.In einer Welt, die plötzlich aus den Fugen geraten war, gab es kaum etwas, das man kontrollieren konnte – abereinen Vorrat an Klopapier zu haben, fühlte sich an wie ein kleiner Sieg gegen das Chaos.Als wir endlich wieder in die Schule durften, begann ein neuer Alltag mit Masken und Tests. Jeden Morgen gab eseinen Test. Aber nicht schulischer Art – einen Corona-Test.Einmal bemerkte ich bei meinem Sitznachbarn Achmed zwei Striche auf seinem Test.„Äh … Achmed, du hast zwei Striche!“, flüsterte ich.„Ich habe doch kein Corona!“, protestierte er.„Doch, hast du! Steht da! Sag Frau Straßburger Bescheid!“, drängte ich ihn. Frau Straßburgerreagierte sofort und schickte ihn aus dem Klassenzimmer.Es war ein komisches Gefühl: Man war zusammen – und doch irgendwie immer auf Abstand.Mia Magdalena UthardtWährend der Ausgangssperre wurde unser Zuhause zu einer kleinen Insel.Seite 3 von 3Wir Kinder durften nicht raus, die Spielplätze waren mit rot-weißen Flatterbändern abgesperrt wie Tatorte.Um ein bisschen Hoffnung in die Welt zu schicken, malten wir bunte Regenbögen an die Fenster.Ich erinnere mich, wie ich im leeren Hof saß, nur ich und meine bunte Kreide.Immer ein bisschen in Sorge, jemand könnte schimpfen, weil ich überhaupt draußen war. Es war still. Keinelachenden Kinder, keine klingelnden Fahrräder – nur die leisen Kratzgeräusche der Kreide auf dem Boden.Trotz allem gaben wir nicht auf:Über Zoom turnten, tanzten und sangen wir gemeinsam.Eine nette Frau leitete unsere Online-Turnstunden und brachte uns mit ihren Witzen oft zum Lachen.Morgens schleppte meine Mama mich ins Wohnzimmer, damit wir zusammen Gymnastik machten.Ich traf mich mit meinen Freunden online über Zoom, um Montagsmaler zu spielen: Einer zeichnete ein Bild aufdem Bildschirm, und die anderen mussten raten, was es war. Wer richtig lag, durfte als Nächster malen.Manchmal errieten wir die verrücktesten Sachen – und meistens gab es dabei schallendes Gelächter.Mit der Zeit begriffen wir, dass nicht nur wir Kinder Angst hatten. Besonders alte Menschen litten unter derEinsamkeit.Deshalb bastelten wir Karten, malten Bilder und schrieben mutmachende Sprüche oder schöne Bibeltexte darauf.Manchmal legten wir die kleinen Aufmunterungen mit Maske und Abstand vor ihre Haustüren oder steckten sie in dieBriefkästen.Einmal trafen wir uns sogar über Zoom mit Dora, einer alten Dame aus unserer Gemeinde. Früher hatte sie unsimmer Süßigkeiten zugesteckt und uns herzlich gedrückt.Jetzt saß sie allein zu Hause und hatte große Angst – genau wie ich.Aber zusammen – wenn auch nur über Bildschirme – fühlten wir uns weniger allein.Natürlich war nicht alles leicht: Homeschooling, Einsamkeit, Sorgen – all das gehörte dazu. Aber ich habe gelernt,dass man auch im größten Chaos Regenbögen malen kann.Und dass manchmal selbst ein Turm aus Klopapier ein kleines Stück Normalität schenken kann.Heute ist die Erinnerung an diese Zeit fast verblasst – wie ein alter Traum.Als ich die Aufgabe bekam, etwas zu schreiben unter dem Motto „Weißt du noch?“, fiel mirsofort diese Zeit wieder ein.Und obwohl es viele traurige und schwere Momente gab, kamen zum Glück viel mehr schöne Gedanken hochals Schlechte.Es war eine Zeit, die einen großen Teil meines Lebens geprägt hat – eine Zeit voller Mut, Zusammenhalt, Familieund Hoffnung.Der Regenbogen stand schon in der Bibel als Zeichen der Hoffnung. Und wenn ich heuteeinen am Himmel sehe, weiß ich:Es gibt immer einen Grund, zu hoffen – egal wie schwer die Zeiten sind.

Und manchmal denke ich dann auch an die vielen Rollen Klopapier und muss ein bisschen schmunzeln.